Windpark
INTERVIEW | 08.04.2022

“Ein massives Artensterben ist nicht zu erwarten” – Interview zur Offshore Windkraft

In einem Interview mit die Debatte spricht Prof. Dr. Corinna Schrum zum Thema Windenergieanlagen im Meer. Sie ist Leiterin des Instituts für Küstensysteme – Analyse und Modellierung sowie Leiterin der Abteilung Stofftransport und Ökosystemdynamik beim Helmholtz-Zentrum Hereon (einem Mitglied der DAM). Weiterhin ist sie Sprecherin der DAM-Forschungsmission sustainMare „Schutz und nachhaltige Nutzung mariner Räume“.


Windenergie wird aktuell viel diskutiert, insbesondere auch der Ausbau der Windenergie auf See. Wie wirken sich solche Offshore-Anlagen auf die Ökosysteme des Meeres aus?

Windenergieanlagen strukturieren die physikalische Umwelt neu, weil sie sowohl in der Luft als auch im Wasser Hindernisse bilden, die die Strömungen verändern und Energie aus der Atmosphäre nehmen. Insgesamt nimmt deshalb die Strömung im Meer etwas ab. Das hat Konsequenzen für die marinen Ökosysteme: Bei der Installation einer Anlage werden diese zunächst zerstört. Pflanzen, Algen und Bakterien werden sich aber ebenso anpassen wie alle anderen Organismen, die von ihnen leben. Diese siedeln sich nach kurzer Zeit erneut an. Weiterhin gibt es Auswirkungen wie die Lärmbelastung für Meeressäuger bei der Anlageninstallation oder Gefahren für Vögel, da diese Anlagen sich bewegende Hindernisse in der Luft darstellen.

Inwieweit sind Meeresschutzbereiche von der Errichtung von Offshore-Windenergieanlagen ausgenommen?

Aktuell werden die Anlagen fast alle außerhalb solcher Schutzbereiche errichtet, aber viele Anlagen stehen an den Grenzen solcher Gebiete. Durch die Veränderungen des Windfeldes und somit der Meeresströmung, wirken Offshore-Windenergieanlagen natürlich trotzdem großräumig in einem Umkreis von 50 bis 100 Kilometern und darüber hinaus bis in die Schutzgebiete hinein.

Lassen sich Offshore-Anlagen überhaupt naturverträglich errichten?

Ingenieure haben diese Anlagen in der Vergangenheit immer wieder an die Gegebenheiten angepasst und Technik genutzt, um Windenergieanlagen zu installieren, die weniger starke Auswirkungen auf Meeresbewohner und Vögel haben. Natürlich haben diese Anlagen aber nach wie vor Auswirkungen auf die Umwelt und die Ökosysteme, da sie der Atmosphäre Energie entziehen und Strömungen verändern. Ich erwarte allerdings keine dramatischen Auswirkungen in Form eines massiven Artensterbens, jedoch werden sie möglicherweise die Wirkungsweise von Schutzgebieten verändern. Hierzu forschen wir gerade im Rahmen der Forschungsmission „sustainMare“ der Deutschen Allianz für Meeresforschung. Wir betrachten hier insbesondere Zukunftsszenarien des Windenergieausbaus in der Nord- und Ostsee, um den Einfluss der Energieproduktion zu quantifizieren und umweltverträglichere Standorte zu identifizieren.

Welche positiven Effekte lassen sich durch Offshore-Windenergieanlagen feststellen?

Der naheliegendste positive Effekt ist die Gewinnung von erneuerbaren Energien, was dazu führt, dass wir weniger CO2 ausstoßen. Das wirkt sich positiv auf die Umwelt aus und leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung unserer Klimaziele. Es ist ebenso ein wichtiger Schritt, um unsere Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern. Weiterhin ist die Stromerzeugung auf See windreicher als an Land, insofern kann sie ertragreicher sein. Zudem sind die Konflikte bei der Errichtung von Offshore-Windenergieanlagen gering, da es keine Anwohner*innen gibt, die sich von den Anlagen direkt gestört fühlen. Logistisch gesehen ist die Errichtung auf See sicherlich aufwendiger als an Land. Positiv für die Meeresumwelt ist der gegenwärtige Ausschluss von anderer Nutzung in den Offshore-Windparks, so kann dort beispielsweise kein Fischfang stattfinden. Die Anlagen könnten daher Rückzugsorte sein, in denen sich die Fischbestände erholen können. Allerdings ist dies eine theoretische Annahme, da wir heute noch nicht genau wissen, ob und inwiefern sich diese Umweltveränderungen auf die Biodiversität und Bestände auswirken.

Am 6. April 2022 wurde im Bundeskabinett ein „Osterpaket“ vorgestellt. So wurde unter anderem eine Veränderung des Windenergie-auf-See-Gesetzes durch das Kabinett beschlossen, die einen verstärkten und schnelleren Ausbau von Offshore-Anlagen vorsieht. Wie bewerten Sie diese Pläne?Wir wissen über die Konsequenzen im Meer noch zu wenig. Obwohl hierzu bereits viel geforscht wurde, fehlen uns noch die Erkenntnisse darüber, wie diese veränderte Strukturierung der marinen Umwelt tatsächlich auf die Biodiversität wirkt. Das liegt daran, dass sich die Gegebenheiten im Meer von Jahr zu Jahr teilweise sehr erheblich verändern. Wenn wir im Rahmen der Forschung ein Jahr vor und ein Jahr nach der Installation von Offshore-Anlagen Meeresproben entnehmen, dann sind die Unterschiede der Proben nicht nur durch die Anlagen verursacht worden, sondern auch durch die Veränderung der Meere insgesamt, beispielsweise durch Erwärmung oder veränderte Strömungen. Wichtig sind hier ergänzende Modellstudien, die die ganze Kette der Veränderungen abschätzen und einen Ausblick auf die Zukunftsszenarien bieten, damit die Anlagen möglichst umweltverträglich platziert werden können. Daran arbeiten wir aktuell in der DAM Forschungsmission. Grundsätzlich begrüße ich das Vorhaben, da wir unseren Beitrag zur Lösung des Klimaproblems leisten und zudem unsere Unabhängigkeit von Energieimporten schnell herstellen müssen. Gegenwärtig gibt es dafür nicht unendlich viele Lösungen, sodass erneuerbare Energien im Vergleich zu anderen, nuklearen und fossilen Energieträgern aus meiner Sicht der Weg der geringsten Gefahren ist.

Weitere Informationen


Kontakt

Die Debatte Voluntariat
Mirja Klein | mirja.klein@w-i-d.de


Header-Bild: Windenergieanlagen auf dem Meer. Foto: Unsplash / Nicholas Doherty.

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