Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung.Das Forschungsschiff Alkor fährt auf dem Meer. Das Schiff wird in der Nordsee und in der Ostsee eingesetzt.
NEWS | 06.04.2020

Globale Corona-Maßnahmen treffen auch deutsche Forschungsschiffe

Forschungsexpeditionen nur noch eingeschränkt möglich

Zu den Folgen der Corona-Pandemie gehört, dass nicht alle Expeditionen auf deutschen Forschungsschiffen wie geplant fortgesetzt werden oder beginnen können. Das hat viele Gründe: Reiserestriktionen wurden in den letzten Wochen in Deutschland wie international immer weiter ausgedehnt, zahlreiche Flüge wurden gestrichen, Quarantäneauflagen erlassen, Forschungseinrichtungen mussten Dienstreisen einschränken und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter größtenteils ins Home Office schicken.

Dadurch sind Crew-Wechsel auf mehrmonatigen Forschungsexpeditionen enorm kompliziert geworden, da Austausch-Personal vorab unter Quarantäne gestellt und mehrfach getestet werden muss, damit die Corona-Infektion nicht an Bord gelangen kann.

Forschungsschiffe in deutschen Häfen oder auf dem Rückweg

Die meisten deutschen Forschungsschiffe sind daher entweder bereits in einen deutschen Hafen zurückgekehrt oder auf der Rückfahrt nach Deutschland. In Zusammenarbeit mit DAM-Mitgliedseinrichtungen bieten wir einen Überblick:

Das Forschungsschiff Alkor, das vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert wird, war vom 5. bis 26. März wie geplant auf einer Expedition entlang der westeuropäischen Küste unterwegs, wo es im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts HOTMIC zur Verteilung und den Auswirkungen von Plastikmüll Proben genommen und Daten gesammelt hat. Das Schiff liegt jetzt im Heimathafen Kiel.

Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung.Das Forschungsschiff Alkor fährt auf dem Meer. Das Schiff wird in der Nordsee und in der Ostsee eingesetzt.
Das Forschungsschiff Alkor wird vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert. | Foto: GEOMAR (CC-BY 4.0)

Die nächsten Reisen der Alkor sind zumeist abgesagt. Das betrifft AL534/3 (3.-9. April, Universität Hamburg), AL535 (13.-28. April, GEOMAR) und AL537 (12.-27. Mai, GEOMAR). Weiterhin noch in der Planung ist die Expedition AL536 der Universität Kiel vom 30. April bis zum 10. Mai.

Alle Ausfahrten auf dem Forschungskutter Littorina, der ebenfalls vom GEOMAR koordiniert wird, wurden bis Ostern abgesagt. Danach dürfen zunächst nur Tagesfahrten durchgeführt werden. Für diese Ausfahrten gilt generell die Maßgabe, nur so viele Personen an Bord zu lassen, dass ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Teilnehmenden überall eingehalten werden kann.

Das Forschungsschiff Elisabeth Mann Borgese, dessen Fahrten das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) koordiniert, liegt im Heimathafen Rostock, nachdem die Institutsleitung Mitte März entschieden hat, bis zum 19. April keine weiteren Forschungsfahrten stattfinden zu lassen. Davon betroffen sind eine zweiwöchige Terminfahrt zum Monitoring des Umweltzustandes der Ostsee und eine achttägige Erprobungsfahrt für meerestechnisches Gerät. Da die Expeditionen dieses Schiffes in der Ostsee mit zwei bis maximal drei Wochen nicht so lang sind, kann und wird recht kurzfristig und entsprechend der aktuellen Entwicklungen über weitere Fahrten entschieden.

Mitte März wurde unter Koordination der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe der Universität Hamburg beschlossen, dass das Forschungsschiff Maria S. Merian den Kurs ändert und den Transit nach Deutschland antritt. Die Merian befand sich auf dem Weg nach Punta Arenas im südlichen Chile und drehte nach Montevideo, Uruguay, zur Weiterfahrt nach Deutschland ab. Die im Zeitraum vom 18. März bis 21. Juni geplanten Expeditionen wurden abgesagt. Das betrifft das Forschungsprogramm FINWAP, eine Untersuchung der Finnwalpopulation an der Westantarktischen Halbinsel mit Besenderung und begleitender Krillforschung, von der Erkenntnisse über den Erholungszustand dieser Wale 35 Jahre nach Beendigung des kommerziellen Walfangs erhofft wurden.

Ebenfalls betroffen ist CAMPOSEIS, ein seismisches Experiment im Campos-Becken vor der brasilianischen Küste, und die Expedition CORD, bei der auf der Fahrt von Rio de Janeiro nach Brest in der Bretagne Eichdaten für atmosphärische und ozeanische Messungen gesammelt werden sollten. An diesen drei abgesagten Forschungsfahrten waren 16 Einrichtungen der Meeresforschung beteiligt, aus Deutschland (AWI, BSH, CeNak an der Universität Hamburg, ICBM, GEOMAR, Hamburg City University, Max-Planck-Institut für Chemie, MPI-M, MARUM, Universität Hamburg) und dem Ausland (Curtin University, Australien, IFREMER, Frankreich, Royal Netherlands Meteorological Institute, Niederlande, Tethys, Italien, Universität Basel, Schweiz, und University of Gdansk, Polen).

Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung. Das Forschungsschiff Maria S. Merian fährt auf dem Meer.
Das Forschungsschiff Maria S. Merian wird von der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe koordiniert, wie auch die Forschungsschiffe Meteor und Sonne. | Foto: GEOMAR (CC-BY 4.0)

Das Forschungsschiff Meteor, das ebenfalls – wie auch die Sonne – von der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe koordiniert wird, führt seine aktuelle Forschungsfahrt wie geplant bis Anfang April zu Ende. Am 6. März ist es von den Azoren aus aufgebrochen, um unter Leitung des GEOMAR Entwässerungsstrukturen am Meeresboden im zentralen Nordatlantik zu erkunden (GLORIA-FLOW). Die folgende Expedition PASTOSI, die vom 8. April bis 11. Mai marine Partikel von der Quelle bis zur Ablagerung vor Nordwest-Afrika erforschen wollte, wurde abgesagt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des MARUM, AWI, MPI-MM, der Universitäten Ibn Zohr und Sultan Moulay Slimane, beide in Marokko, und des Royal Netherlands Meteorological Institute wollten gemeinsame Untersuchungen zur Bildung, dem Abbau und der Sedimentation von organischem Material und mineralischer Partikel durchführen. Stattdessen wird das Schiff in Deutschland in die Werft gehen.

Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung. Das Forschungsschiff Meteor an der Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity. Es wird vor allem für die Grundlagenforschung eingesetzt.
Das Forschungsschiff Meteor fährt an der Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity vorbei. | Foto: Universität Hamburg/CEN

Die Sonne hat die Expedition MARION im Indischen Ozean vor Südafrika am 21. März auf Entscheidung der Fahrtleitung und in enger Abstimmung mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nach elf sehr ertragreichen Forschungstagen vorzeitig abgebrochen. 35 Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern unter der Leitung der Leibniz Universität Hannover wollten Strukturen und Gesteine des Ozeanbodens am Südwest-Indischen Rücken untersuchen. Die Sonne ist zunächst nach Kapstadt zurückgefahren, um einen Beobachter aus Südafrika abzusetzen, und nun auf ihrem mehrwöchigen Rückweg nach Deutschland.

Auch die beiden nächsten Expeditionen der Sonne, die für den Zeitraum von Mitte April bis Juli im Indischen Ozean geplant waren, wurden abgesagt. Das betrifft die Expedition SO274, die unter der Leitung des GEOMAR in Durban, Südafrika, starten und Ende Mai nach Port Louis auf Mauritius führen sollte um ein vielfältiges Forschungsprogramm durchzuführen: geologische Arbeiten zur Rolle des submarinen Madagaskar-Rückens beim Aufbruch des Urkontinents Gondwana, biologische Untersuchungen zur Diversität ausgewählter Tiergruppen der Benthos-Gemeinschaften des Madagaskar-Rückens, Erforschung biologischer und bio-geochemischer Prozesse, die den Umsatz von organischem Material im tiefen Indischen Ozeans beeinflussen.

Die anschließende Expedition SO275 unter der Leitung des MARUM wollte die Verbreitung und Biodiversität von Kaltwasserkorallen im Westindischen Ozean vor Madagaskar, Mozambique und Tansania erfassen, um die künftige Entwicklung der Kaltwasserkorallen unter verschiedenen zukünftigen Szenarien des Klimawandels abschätzen zu können.

Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung. Das Forschungsschiff Sonne fährt auf dem Meer. Die Sonne ist das modernste deutsche Forschungsschiff.
Die Sonne ist das modernste Schiff der deutschen Forschungsflotte. | Foto: MARUM, Universität Bremen

Auch beim Forschungsschiff Heincke, das vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) koordiniert wird, wird derzeit fortlaufend geprüft, welche der anstehenden Expeditionen durchgeführt werden können. Bereits jetzt sind aufgrund des bundesweit eingestellten Lehrbetriebes an den Hochschulen alle Ausfahrten bis Mitte Mai abgesagt, die vorwiegend der studentischen Ausbildung dienen.

Für die Monate April und Mai wurden fünf Expeditionen abgesagt, zwei weitere sind fraglich, da insbesondere bei kürzeren Expeditionen von nur wenigen Tagen der Aufwand für notwendige Quarantänemaßnahmen unverhältnismäßig erscheint.

Die Fahrtleitungen der in den Sommermonaten anstehenden mehrwöchigen Expeditionen mit der Heincke wurden gebeten, schon jetzt vorsorglich etwaige Quarantänemaßnahmen in ihre weiteren Expeditionsvorbereitungen mit einzubeziehen und ihre Fahrtteilnehmenden entsprechend zu informieren. Diese Expeditionen sollen planmäßig in die Grönlandsee und nach Spitzbergen führen, mit Austausch von Ausrüstung und Personal in norwegischen Häfen. Da dies angesichts der gegenwärtigen Einreisebeschränkungen Norwegens nicht realisierbar erscheint, wird aktuell untersucht, unter welchen Umständen der Expeditionsplan mit einem Start- und Zielhafen in deutschen Gewässern durchführbar wäre. Hierbei wird auch geprüft, ob sich das gesamte Vorhaben zeitlich entzerren lässt, wenn man einzelne Expeditionen auf eines der anderen deutschen Forschungsschiffe verlegt.

Mit den beiden kleinen Forschungsschiffen Uthörn und Mya, die ebenfalls vom AWI koordiniert werden, dürfen aktuell nur Tagesfahrten durchgeführt werden. Für diese Ausfahrten gilt generell die Maßgabe, wie bei der Littorina, nur so viel Personal an Bord zu nehmen, dass überall ein Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den einzelnen Teilnehmenden sichergestellt ist.

Komplexer Crew-Wechsel bei der Arktis-Expedition auf der Polarstern

Die Arktis-Expedition MOSAiC, die vom AWI geleitet wird, wird von der Corona-Pandemie vor besondere zusätzliche Herausforderungen gestellt. Seit Mitte Oktober hat der Forschungseisbrecher Polarstern ein großes Eisobservatorium auf einer Scholle in der zentralen Arktis aufgebaut, mit der er am Nordpol vorbei in Richtung Framstrasse treibt. Die zweimonatigen Wechsel der Forschungscrews und der Besatzungsmitglieder sind zunehmend komplizierter geworden.

Ursprünglich war der nächste Crew-Austausch für Anfang April per Flugzeug von Spitzbergen aus geplant. Die unter norwegischer Verwaltung stehende Inselgruppe ist allerdings wegen der Pandemie abgeriegelt. Das AWI arbeitet derzeit zusammen mit der MOSAiC-Projektleitung an Alternativplänen für den nächsten Austausch. Es sind derzeit rund 100 Personen an Bord, etwa die Hälfte davon Wissenschaftler. Der Expeditionsbetrieb wird derzeit vor Ort von den Wissenschaftlern fortgeführt, die auf baldige Ablösung hoffen.

Expeditionen Forschungsschiffen in Meeresforschung. Der Forschungseisbrecher Polarstern im Eis bei Nacht bei der Arktis-Expedition MOSAiC.
Arktis-Expedition MOSAiC: Der Forschungseisbrecher Polarstern driftet von Herbst 2019 bis Herbst 2020 eingefroren im Eis durch das Nordpolarmeer. | Foto: Alfred-Wegener-Institut (CC-BY 4.0)

Die AWI-Logistik erarbeitet eine Reihe von Austauschplänen, die aber eventuell nur von deutschen Häfen aus umgesetzt werden können. Es wird auch in Betracht gezogen, die rückkehrenden deutschen Forschungsschiffe um Unterstützung beim Austausch in eisfreien Regionen zu bitten. Die Expeditionsmannschaft der nächsten Forschungsphase wird vor dem Austausch in Quarantäne gehen und mehrfach auf Corona getestet. Die genaue Ausgestaltung der Präventionsmaßnahmen kann noch entsprechend der jeweiligen Situation und in Abstimmung mit den Behörden angepasst werden.

Noch nicht klar ist, wann und wie ein dreiköpfiges Wissenschaftlerteam von AWI und ICBM von einer Fahrt mit einem norwegischen Krillfischerei-Schiff im Südpolarmeer nach Deutschland zurückkehrt. Das Team kann seine Forschung momentan noch fortsetzen, steht bezüglich der Rückreisemöglichkeiten im Austausch mit den entsprechenden Instituten, wie auch mit dem Auswärtigen Amt. Die Ausreisemöglichkeiten aus Südamerika sind aber derzeit ungewiss.

Perspektiven für Forschungsfahrten mit den großen deutschen Forschungsschiffen

Die häufigste Frage, die Andrea Gerriets, Operative Leiterin der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe, derzeit hört, ist die nach den Forschungsfahrten in der zweiten Jahreshälfte: Werden diese stattfinden? Sie antwortet darauf: „Die Fahrten sind noch nicht gestrichen, aber es werden Änderungen vorgenommen werden müssen.“ Entscheidungen darüber stehen in den nächsten Wochen an, unter Prüfung der Risiken und umsetzbarer Präventionsmaßnahmen und in Abhängigkeit von den Entscheidungen auf politischer Ebene, national wie international.

Eine Besonderheit der Meeresforschung ist dabei, dass die Vorbereitungen für Forschungsfahrten sich über viele Monate erstrecken, angefangen mit den diplomatischen Anträgen zum Erhalt von Forschungsgenehmigungen in fremden Gewässern, die international und fristgerecht einzuholen sind, bis hin zu den konkreten Reisevorbereitungen mit Partnern. Das lässt sich nicht kurzfristig umsteuern.

Die abgesagten Forschungsfahrten dieser Frühjahrsmonate, sagt Andrea Gerriets, seien größtenteils „verschoben und nicht aufgehoben“. Wann sie nachgeholt werden können, lasse sich jedoch noch nicht absehen, denn sie kommen zurück in den Pool geplanter Fahrten und müssen neu in die Fahrtplanung aufgenommen werden.

Auswirkungen auf die wissenschaftliche Ausbildung und die Bordbesatzungen

Die Einschränkungen betreffen nicht nur die Forschungsexpeditionen – und führen damit zu  Unterbrechungen von Zeitreihen und wissenschaftlichen Beobachtungen, die essentiell sind für den Klima-, Umwelt- und Naturschutz. Sie gelten auch für die geplanten Ausbildungsfahrten auf deutschen Forschungsschiffen. Die meisten der für dieses Jahr geplanten Ausfahrten der Universitäten zur Durchführung der marin-orientierten wissenschaftlichen Ausbildung werden nach heutigem Kenntnisstand entfallen.

Die Bordbesatzungen der großen Forschungsschiffe werden zumindest vorerst auf den Rückfahrten und mit technischen Arbeiten weiterbeschäftigt. Klaus Küper, Leiter der Abteilung Forschungsschifffahrt der Reederei Briese Schiffahrt, ist „optimistisch, dass wir bis in den Juni volle Beschäftigung haben. Bis dahin sollte sich ein Silberstreif bilden, wie es weiter geht.“ Wichtig sei, dass man wieder zu einer Planbarkeit von Fahrten komme. Aktuell werden Vorsichtsmaßnahmen bei künftigen Fahrten mit den Forschungsinstituten besprochen und geplant und die Schiffe werden einsatzklar gehalten.

„Die Forschungsschiffe sind deswegen so erfolgreich, weil es an Bord bestens eingespielte Besatzungen gibt“, hebt Michael Schulz, Stellvertretender Vorsitzender des DAM-Vorstands, hervor. Die Forschungseinrichtungen setzen sich dafür ein, die Aufliegezeiten der Schiffe nach Möglichkeit zu reduzieren.

Header-Bild: GEOMAR (CC-BY 4.0)

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